Meinung • am 10.07.2017 von Julia (Gastautorin)

Konsum und Folgekosten

Deine Rolle in diesem Dilemma

Taslima Akhter

Spätestens seit die Textilfabrik "Rana Plaza" bei ihrem Einsturz vor vier Jahren mehr als 1.100 Menschen mit in den Tod gerissen hat, dürfte die Nachricht auch bei dem/der westlichen SchnäppchenjägerIn angekommen sein: Dein 5€-Shirt von Kik wird unter menschenunwürdigen Bedingungen produziert. Was das heißt? Das heißt: Damit du im Kaufrausch schweben und dir billige Fetzen kaufen kannst, die dann ungetragen im Kleiderschrank verwahrlosen, kämpft sich am anderen Ende der Wertschöpfungskette ein/e Gleichaltrige/r bei rund 35 Grad durch ihren/seinen 14-Stunden-Tag, oftmals unbezahlt, ohne Trink- und Toilettenpausen und meist in einem Gebäude, dem ständig Einsturz droht. Sexuelle Belästigung und ähnliche Scharaden inklusive, versteht sich. Und ja, du stellst dir das richtig vor: Oftmals laufen unter den Produktionsstraßen Rinnen entlang, um den Urin der ArbeiterInnen aufzufangen—ein Model wie im Kuhstall.

Ja, du hast Recht, das ist die extreme Version. Es gibt auch Fabriken, in denen die Zustände weniger schlimm sind und die (meist) Frauen nur 12 Stunden für ihren Hungerlohn durchhalten müssen. Manche dürfen sogar aufs Klo; in Ausnahmefällen darf auch mal ein paar Tage Mutterschaftsurlaub genommen werden. Den Jackpot haben jene geknackt, die in firmeneigenen Produktionsstätten sogar unter an westliche Standards angepassten Bedingungen arbeiten dürfen. Doch das bleibt die Ausnahme; der Großteil der TextilarbeiterInnen ist in einem Alltag gefangen, der unsere reine Vorstellungskraft sprengen dürfte.

Während sich Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Politik um die Verantwortungsteilung dieser Tragödie streitet, rücken der Konsument und dessen Verantwortung immer öfter ins Rampenlicht. Sicherlich kommt keinem dieser Stakeholder—in einer Lieferkette, in der ein T-Shirt bis zu 140 Produktionsschritte durchläuft—die alleinige Verantwortung zu. Nichtsdestotrotz ist die Rolle des Konsumenten in diesem Dilemma zentral und jeder sollte sich seinem Beitrag zu Menschenverletzungen bewusst sein. Jegliche Ausreden die du haben könntest tragen heute einfach nicht mehr.

„Oh Gott wie furchtbar, das wusste ich alles nicht.“

Ich bitte dich, die Thematik wurde nun wirklich in jedem nur denkbaren Format aufgegriffen und über sämtliche Informationskanäle gestreut. Über Doku-Filme (z.B. The true cost) und -Serien (zB. Sweatshop - Deadly Fashion) haben es die Neuigkeiten bis in Mainstream-Zeitschriften und Tagesmedien geschafft. Und sogar die Blogger- und Influencerszene, die ja meist von der Propaganda zum überflüssigen Konsum lebt, bricht mehr und mehr auf und nimmt sich dem Thema an. Du musst also wirklich aktiv wegsehen (oder auf einer einsamen Insel ohne Anschluss zur Außenwelt leben), um den Informationen um wiederkehrende Menschenrechtsverletzungen in der Textilbranche zu entkommen.

„Das Ganze ist einfach so weit weg von mir.“

Also jetzt á la „Würde eine verhungernde Frau an meiner Türe klingeln, würde ich ihr natürlich etwas zu essen geben.“? In einer 2-minütigen Reflektion dürfte dir einleuchten, dass die Frau vor deiner Haustüre das gleiche Recht auf Nahrung und ein menschenwürdiges Leben hat, wie die Frau 8.500 Kilometer entfernt, die dir dein T-Shirt näht.

„Wenn ich das Teil nicht kaufe, kauft es aber ein Anderer.“

Für diejenigen ohne jegliche VWL-Kenntnisse nun ein kleiner Crashkurs: Die Nachfrage bestimmt das Angebot. In fast keiner Branche funktioniert dieser Mechanismus so einwandfrei wie im Kleidungssektor. Würdest du also nicht oder anders kaufen, hätte das eine entsprechende Auswirkung auf Produktionsprozesse. Wer nun weiter denkt und sagt „Naja, wenn ich das T-Shirt aber nicht kaufe, dann hat die Arbeiterin aber eventuell gar keinen Arbeitsplatz und somit nicht mal den Hungerlohn der sie am Leben hält.“, der macht einen Punkt. Würden wir alle aufhören bei H&M und Co. zu konsumieren, wären die Einwohner Bangladesch’s, deren Wirtschaft größtenteils vom Export abhängt, erst einmal aufgeschmissen. Das heißt: Gar nicht nachzufragen ist mittelfristig keine Lösung. Eine Lösung könnte sein die entsprechenden Marken zu kaufen (Armed Angels, Hessnatur & Co.), welche durchaus in Bangladesch produzieren, aber eben unter vernünftigen Bedingungen. Wenn du jetzt sagst

„Das kann ich mir nicht leisten.“,

habe ich eine großartige Nachricht für dich: Du kannst. Fair produzierte Kleidung ist schon lange kein reines Nischenprodukt mehr. Auch nachhaltige Hersteller stehen im Wettbewerb und müssen halbwegs bezahlbare Preise anbieten. Fast täglich sprießen neue Labels aus dem Boden und decken mittlerweile das ganze Segment, von mainstream über casual bis business, ab. Außerdem beschränkt sich fair nicht nur auf neuproduzierte Kleidung: Du kannst statt dem 200€-Hessnatur Pullover auch einen für 2€ im Second-Hand-Laden kaufen. Oder einfach nur zwei statt fünf verschiedene Basic-Shirts. Wie schon kurz aufgegriffen: Wer nur noch Second-Hand kauft (und damit die Nachfrage nach Importware aus bspw. Asien einstellt) mag dann nicht mehr uneingeschränkt fair gegenüber dem/der NäherIn sein, tut aber zumindest der Umwelt einen sehr großen Gefallen. Zwecks: weniger CO2-Ausstoß und weniger Ressourcenverbrauch. Im übertragenen Sinne stellst du also sicher, dass sich die Rodung der Pflanze auch tatsächlich gelohnt hat. Unterm Strich heißt das also, dass du mit einem Mix aus fair produzierten und gebrauchten Klamotten sowohl der Umwelt als auch „deinem Nächsten“ etwas Gutes tust und dabei trotzdem im H&M-Budget bleibst. Dass du

„Keinen Bock auf den Ökostyle“

hast ist klar. Ein alternativer Style ist schon seit spätestens der Jahrtausendwende nicht mehr mit nachhaltig äquivalent zu setzen. Außerdem ist die H&M-Uniform ja auch schon lange passé und Individualität Trend.

„Ich weiß nicht wo ich so etwas herkriege.“

Na da kannst du auf das Zertifikat kucken; GOTS, FWF und Fairtrade sind dabei ganz gute Anhaltspunkte. Alternativ kannst du auch eine Stunde weniger Germany’s next Topmodel anschauen und stattdessen im Internet (oder auf actree.org) recherchieren, wer wie und wo produziert. Und falls dir beides zu stressig ist darfst du dich über unseren Service freuen; wir haben dir ein (Unisex) Sommeroutfit zusammengestellt, dass dir als Inspo dienen darf und alle Aspekte abdeckt: nachhaltige, recycelte und gebrauchte Kleidung. Gern geschehen!

Model Linda


Schuhe, bspw. von Kleiderkreisel, einer Plattform auf der du Kleidung tauschen oder second-hand erwerben kannst.

Jeans, von Nudie, einer Jeans-Marke, die unter fairen Bedingungen produziert und einen kostenlosen Reparierservice anbietet.

Shirt, von Natur + Co, einer Firma die naturbelassene Kleidung produziert; die Baumwolle kommt von den firmeneigenen Plantagen; gearbeitet wird ohne umweltbelastende Chemikalien.

Rucksack, von Melawear, einem Social Business, das faire Kleidung herstellt.

MĂĽtze, von American Apparel; upwards-recycelt und in Amerika produziert.


Dieser Artikel ist ein Beitrag in der Rubrik "Meinung". Dabei wollen wir den Autoren und Autorinnen die Möglichkeit geben einfach mal ihre persönliche Meinung, gerne auch polarisierend, weiterzugeben. Wir freuen uns, wenn ihr uns in den Kommentaren sagt, was ihr dazu denkt und eine Diskussion anstoßt.

Julia (Gastautorin)

Wir müssen uns gemeinsam für fundamentale Menschenrechte - wie das Recht auf Leben - einsetzen. Während wir Menschenrechte als gegeben hinnehmen, kämpfen Andere täglich um Freiheit, Sicherheit und Frieden.

Diskussion

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  • Julia schreibt am 17.01.2019:

    Liebe Juliane, guter Punkt! Die oben angeführten (entkräfteten) Argumente sind alle ein Claim dafür, dass jmd eigentlich moralisch handeln will, es aber aus gewissen Gründen nicht kann/tut. Bei dem Punkt den du aufzeigst geht es dann - anders als oben - ganz klar um unmoralisches Handeln. Wenn ich weiß woher die Sachen kommen und trotzdem kaufe, dann ist das eine aktive Entscheidung. Das zeigen ja auch jegliche Versuche bei denen AktivistInnen vor Primark standen - mit Bildern und Informationen - und die Leute aktiv weggeschaut und trotzdem konsumiert haben. Wenn also Konsens zum Thema besteht, dann hilft auch kein "Kaufen fördert Elend"-Schild - meiner Meinung nach. An diesem Punkt zeigt sich ganz schön die Grenze der Konsumentenverantwortung - und der Bedarf gesetzlicher Regelungen...

  • Juliane schreibt am 17.01.2019:

    Hey Julia, vielen dank für Deinen Artikel! Mich würde interessieren, was Du zu dem Thema "Verdrängung" sagst? Ich denke nicht, dass die Leute nicht wissen wo ihre Billigklamotten herkommen. Das Problem scheint zu sein, dass sie, wenn sie den Preis sehen, ihr Gewissen einfach ausschalten. Sollte man eventuell Warnhinweise auf den KLamottenlabels anbringen, ähnlich wie auf Zigarettenschachteln: "Mit dem Kauf dieses Produktes fördern Sie Elend"? Das würde sich wahrscheinlich nicht durchsetzen... hast du eine Idee? Liebe Grüße, Juliane :)